Die Eiche als Lebensraum – ein Schattendasein in Zeiten des Eichenprozessionsspinners

Die Stieleiche (Quercus robur) ist seit einigen Jahren Schauplatz eines Konfliktes zwischen uns Menschen und einer kleinen, haarigen Raupe – dem Eichenprozessionsspinner. Dieser Artikel will die Gesundheitsrisiken nicht verharmlosen, aber einmal den Blick auf etwas lenken, was in den zahlreichen Meldungen selten bis nie auftaucht: Die Eiche als Lebensraum – nicht nur für den Eichenprozessionsspinner.
Eichen sind Lebensgrundlage für hunderte Insekten, darunter auch viele Schmetterlingsarten. Die Stieleiche beherbergt besonders viele Insekten. Sie alle leben in bestimmten Entwicklungsphasen von und an den Bäumen, meist ohne die Bäume dabei ernsthaft zu schädigen. Von diesen Insekten wiederum leben zum Beispiel zahlreiche Vogelarten. Gerade in der Brutzeit sind auch Schmetterlingsraupen ein begehrtes und lebenswichtiges Futter für die Vögel.
Zu den an Eichen lebenden Schmetterlingsarten gehört auch der Eichenprozessionsspinner. Er ist ein einheimischer Nachtfalter, der es gerne warm hat und so von der Erwärmung in den letzten Jahren profitiert. Die Weibchen legen ihre Eier an Zweigen in der Krone verschiedener Eichenarten ab. Je nach Wetterlage schlüpfen die Raupen ab April mit dem Blattaustrieb der Bäume. Ab Mitte Mai kann man sie in großen Mengen an den Eichenstämmen beobachten. Sie ernähren sich von den Blättern und gehen nachts in den Baumkronen auf Nahrungssuche. Dabei laufen sie in Reihe hintereinander, deshalb spricht man von „Prozessionsspinner“. Die Raupen durchlaufen 5-6 Stadien, bis sie sich verpuppen. Ab dem 3. Stadium bilden die Raupen mehr und mehr Brennhaare aus, die ein Nesselgift enthalten, einen Widerhaken haben und die ihre giftige Wirkung über Jahre behalten.
Diese Brennhaare können beim Menschen und zum Teil auch bei Haustieren Beschwerden hervorrufen, wenn sie in die Haut, Augen oder oberen Atemwege gelangen. In seltenen Fällen kann es auch zu allergischen Reaktionen kommen. Vorsicht ist deshalb angebracht, aber in angemessener Weise. Auch andere Schmetterlingsarten bilden Gespinstnester wie der Eichenprozessionsspinner, deshalb ist zunächst eine sichere Bestimmung der Art wichtig. Bevor Maßnahmen ergriffen werden, sollte gut überlegt sein, ob und welche Maßnahmen sinnvoll sind. An stark frequentierten Orten oder in sensiblen Bereichen sind Bekämpfungsmaßnahmen sinnvoll, in vielen Bereichen reicht der Hinweis auf das Vorkommen oder die vorübergehende Absperrung einzelner Bereiche.
In der Regel werden zur Bekämpfung in den kritischen Bereichen biologische Pflanzenschutzmittel verwendet, die aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis gewonnen werden. Wirkstoffe darin sind Eiweiße (Proteine), die den Darm der Raupen zerstören. Allerdings wirken diese Präparate nicht nur gegen den Eichenprozessionsspinner, sondern auch gegen viele andere Schmetterlingsraupen auf den Bäumen. Beispiele dafür sind Schmetterlingsarten mit so exotischen Namen wie das Große Eichenkarmin, die Hellgraue Holzeule, der Große Kahnspinner und die Rötliche Kätzcheneule. Auch diese Arten werden von den biologischen Pflanzenschutzmitteln geschädigt. Insofern haben diese Mittel eine die Artenvielfalt der Insekten insgesamt schädigende Wirkung, was zu oft nicht bedacht und erwähnt wird. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Anwendung bei Wind oder gar mit dem Hubschrauber erfolgt, und der Sprühnebel mit dem Präparat dann weit verdriftet wird und die Insekten in einem weiteren Umkreis schädigt.Auch wenn die verwendeten Präparate biologische Pflanzenschutzmittel sind, sind sie doch ganz offensichtlich nicht harmlos und kein „Zuckerwasser“, sondern greifen durch die Schädigung vieler Schmetterlinge auf den behandelten Bäumen und all jener Tierarten, die von den Raupen leben (Vögel, Fledermäuse,….) deutlich in das ökologische Gefüge ein und reduzieren die Artenvielfalt. Diese Mittel sollten deshalb nur dann angewendet werden, wenn es nicht anders geht.
Aus ökologischen Gründen sollte als Bekämpfungsmaßnahme an erster Stelle die mechanische Beseitigung stehen, bei der die Nester meist „aufgesaugt“ werden. Diese Methode hat den zusätzlichen Vorteil, dass auch ältere Brennhaare mit abgesaugt werden. Sie können ansonsten auch Jahre später noch vom Wind durch die Luft gewirbelt werden.

Außerdem sollten wir uns stärker bemühen, die natürlichen Feinde des Eichenprozessionsspinners zu fördern und so dessen Ausbreitung zu begrenzen. Zu den Feinden der Raupen gehören verschiedene Vogelarten wie der Kuckuck, der Pirol und verschiedene Meisen, aber auch Schlupfwespen, Raupenfliegen oder räuberische Käfer. Die erwachsenen Falter werden bei ihren nächtlichen Flügen gerne von Fledermäusen erbeutet.
Der Schutz der Artenvielfalt und die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners lassen sich nur dann in Einklang bringen, wenn auch die vermeintlich harmlosen Pflanzenschutzmittel nur wo unbedingt nötig und dann möglichst zielgerichtet eingesetzt werden, und wenn wir andererseits die Insekten insgesamt und die Vögel als natürliche Feinde des Eichenprozessionspinners fördern.